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Ottonisch-salisches Großreich
Verwandtschaftstafel der Ottonen in einer Handschrift der Chronica Sancti Pantaleonis aus dem frühen 13. Jahrhundert (Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Cod. Guelf. 74.3 Aug. 2°, pag. 226).

Die Reichsidee bei den Ottonen

Die Erneuerung des Reiches durch das sächsische Geschlecht der Liudolfinger, der Heinriche und Ottonen, ist der bedeutendste Abschnitt seiner Geschichte.

Im Jahre 911 erlosch mit dem Stamme Karls des Großen die karolingische Herrschaft. Die deutschen Stämme standen vor der Entscheidung, ob sie fernerhin gemeinsam ein Reich darstellen wollten. Indem sie diese Schicksalsfrage bejahten - trotz der lebhaften Feindseligkeiten unter ihnen, die immer wieder die Schwerter aus der Scheide fliegen ließen bewiesen sie ihren Instinkt für geschichtliche Größe. Und diese geschichtliche Größe, die kleinliche Eigensucht zurückdrängt, kennzeichnet die Wiedergeburt des Reiches. Für die Wahl zum König kamen nur die Führer der beiden mächtigsten Stämme, der Sachsen und der Franken, in Frage. Otto von Sachsen, aus dem Geschlecht der Liudolfinger, wäre gewählt worden, wenn er sich nicht selbst zu alt gefühlt und selbst die Stimmen der Fürsten von sich ab auf Konrad von Franken gerichtet hätte. Aber König Konrad schlug einen falschen Weg ein, indem er das Königtum nach dem Vorbilde Karls des Großen aufzubauen versuchte - als eine von ihm beherrschte Autokratie. So verstrickte er sich in bitterste Fehden mit den Stämmen, deren Selbstbewußtsein und Freiheitsdrang er nicht verstand. Sein Reichsaufbau scheiterte. Aber auch er zeigte am Ende die geschichtliche Größe, die in der Schöpfung des Reiches waltete. Es gibt wenige geschichtliche Dokumente von der Großzügigkeit und Tragweite seines Vermächtnisses an seinen Bruder Eberhard:

"Wir haben viele Getreue", sagt er von seinem fränkischen Stamm, "und ein großes Volk, das uns im Kriege folgt, wir haben Burgen und Waffen, in unseren Händen sind die Reichsinsignien, und es umgibt uns aller Glanz des Königtums. Aber es fehlt uns das Glück und die rechte Sinnesart. Das Glück, mein Bruder, und die rechte Sinnesart fielen Heinrich zu; die Zukunft des Reiches steht bei den Sachsen. Nimm also diese königlichen Abzeichen, die goldenen Spangen mit dem Königsmantel, das Schwert und die Krone unserer alten Könige, gehe hin zu Heinrich und mache deinen Frieden mit ihm, auf daß du ihn fortan zum Freunde habest. Oder soll das ganze Volk der Franken mit dir vor seinem Schwerte fallen? Denn wahrlich, er wird ein König und Herr sein vieler Völker!"

Und Eberhard, obwohl er als Bruder Konrads selbst Anwartschaft auf die Krone gehabt hätte, führte den Auftrag des Sterbenden aus. Er verzichtete· - und bestimmte die Franken, den Sachsen Heinrich zu wählen.

Diese vorbildliche Vornehmheit zweier Männer, die am Eingang der deutschen Geschichte stehen, ist in der ganzen Weltgeschichte ein einzigartiges Beispiel gewesen und geblieben. ... (Weiterlesen siehe Literatur)

Gertrud Bäumer: Die Reichsidee bei den Ottonen, 1946

Literatur:

Gertrud Bäumer: Die Reichsidee bei den Ottonen. Heinrich I. und Otto der Große. Otto III. und Heinrich II., Nürnberg/Bamberg/Passau: Glock und Lutz o.J. (1946)

Josef Fleckenstein, Das Kaiserhaus der Ottonen, in: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen, Band 1, 1993, S. 47-62.